Esther Bejarano – Kurzbiografie

Esther Bajarano

Geb. am 15. Dez. 1924 in Saarlouis, Frankreich/heute: Deutschland, Sängerin, Musiklehrerin, Friedensaktivistin.

Esther Bejarano wurde am 15. Dez. 1924 als Esther Loewy im damals französischen Saarlouis geboren. Ihr aus Berlin stammender Vater Rudolf Loewy war Religionslehrer und Kantor in der jüdischen Gemeinde von Saarlouis, ihre Mutter Margarete Loewy, geb. Heymann, die aus Thüringen stammte, war Hausfrau und Lehrerin. Esther war das jüngste von insgesamt fünf Kindern (ein Bruder starb im Jahr seiner Geburt); sie erlernte als einzige unter den Geschwistern das Klavierspielen. 1926 ging die Familie nach Saarbrücken. Der Vater trat dort die Stelle des Oberkantors in der Synagoge an. Gut situiert und gesellschaftlich integriert, führten die Loewys ein offenes Haus, in dem oft Sängerinnen und Sänger sowie andere Musiker zu Besuch waren. Erst nach der Volksabstimmung von 1935, die zur Wiederangliederung des Saarlandes an das Deutsche Reich führte, verschlechterte sich die Lage für die Saarbrücker Juden erheblich.

1936 zog die Familie nach Ulm, wo der Vater Direktor der jüdischen Schule und zugleich Kantor der jüdischen Gemeinde wurde. Esther durfte keine allgemeinbildende Schule mehr besuchen. Sie kam daher in das jüdische Landschulheim Herrlingen, in dem zwar reformpädagogisch unterrichtet wurde und ein Schwerpunkt auf Fremdsprachen und Kunst- und Sportunterricht lag, dessen Schüler sich aber doch als Ausgegrenzte erlebten. Die Geschwister Esthers verließen Deutschland: Gerhard (21) ging in die USA, Tosca (19) nach Palästina und Ruth (18) nach Oberschlesien in ein Vorbereitungslager für die Auswanderung nach Palästina. Während der Reichspogromnacht am 9. Nov. 1938 wurde Esthers Vater verhaftet und verhört, indessen nach drei Tagen wieder freigelassen. Die Schwester Ruth in Schlesien traf es besonders hart: Sie wurde schwer misshandelt und schlug sich dann nach Ulm durch, wo sie über mehrere Wochen im Krankenhaus behandelt werden musste. Danach wurde sie in einer jüdischen Familie in den Niederlanden untergebracht. Alle Auswanderungsbemühungen Esthers und ihrer Eltern scheiterten. 1940 ging Esther in ein Vorbereitungslager nach Ahrensdorf bei Berlin, um vielleicht doch noch, trotz des bereits stattfindenden Weltkriegs, nach Palästina zu gelangen. Ihre Eltern fanden in Breslau Arbeit, nachdem Esthers Mutter wegen einer psychischen Erkrankung sechs Monate in einer Berliner Klinik hatte verbringen müssen.

1941 begannen die Nazis mit der systematischen Vernichtung von Juden. Wie Bejarano erst nach dem Krieg erfuhr, gehörten ihre Eltern zu den frühesten Opfern; sie wurden im November 1941 von Breslau nach Kowno in Litauen deportiert und dort mit tausend anderen Juden im Fort IX erschossen (http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html). Ebenfalls erst 1945 erfuhr sie, dass ihre Schwester Ruth zusammen mit ihrem Ehemann 1942 bei einem Fluchtversuch von deutschen Grenzern erschossen worden war. Sie selbst wurde 1941 zur Zwangsarbeit in dem Lager Neuendorf bei Fürstenwalde an der Spree einbestellt. Tagsüber musste sie in einem Blumenladen helfen, die Nacht verbrachte sie im Lager unter SS-Bewachung. Anfang 1943 wurde das Lager aufgelöst und die Gefangenen ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Esther Bejarano hat die Hölle von Auschwitz-Birkenau überlebt. In ihrer Autobiographie von 1989 mit dem Titel „’Man nannte mich Krümel’. Eine jüdische Jugend in den Zeiten der Verfolgung“ (BejaranoE 1989) berichtet sie von den Schrecken des Alltags im Vernichtungslager, von ihrer Rolle im Frauenorchester, durch die sie eine Chance zum Überleben bekam, und davon, dass ausgerechnet ein brutaler SS-Scherge, der Hauptscharführer Otto Moll, der nach dem Krieg als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde, ihr das Leben gerettet hat. Als sie krank wurde, ließ er sie in eine andere Baracke verlegen, und später versuchte er sogar, sie aus Auschwitz herauszubekommen (BejaranoE/GärtnerB 2007, S. 88).

Laut der Mitgliederliste des sogenannten „Mädchenorchesters“ von Auschwitz (NewmanR/KirtleyK 2003, S. 436 ff.) war Bejarano von Mai bis Oktober 1943 dem Musikkommando zugeteilt, wobei sie gegen Ende der Zeit krank wurde und deshalb Alma Rosé, die seit August 1943 als Leiterin des Orchesters eingesetzt war, nicht mehr erlebt hat (KnappG 1996, S. 171-185; BejaranoE/GärtnerB 2007, S. 86-88). Danach kam sie zusammen mit 70 anderen jungen Frauen ins KZ Ravensbrück. Der Grund dafür war eine Spur „arischen Bluts“ in ihren Adern – ihre Großmutter väterlicherseits war nicht-jüdischer Abstammung gewesen, weshalb ihr Vater als „Halbjude“ galt. In Ravensbrück musste sie zunächst Kohlen schleppen, dann arbeitete sie für die Firma Siemens in der Montage. Nicht ohne Stolz erzählt sie, dass sie und einige ihrer Mithäftlinge Sabotage verübten, indem sie Schalter für deutsche Unterseeboote absichtlich fehlerhaft montierten, so dass sie als unbrauchbar ausgeschieden werden mussten (BejaranoE/GärtnerB 2007, S. 91 f.). Gegen Ende des Kriegs wurden die Insassen des Lagers auf einen „Todesmarsch“ nach Westen geschickt. Als sich die SS-Bewacher zurückzogen, konnten die Überlebenden ihrer Wege gehen und wurden in Mecklenburg von amerikanischen und russischen Truppen aufgenommen.

Nach Ende des Kriegs verfolgte Bejarano ihren alten Plan, nach Palästina zu ihrer Schwester Tosca zu gelangen. Sie erreichte im Juli 1945 das DP-Camp Bergen-Belsen, wo sie am 27. Juli Zeuge eines Konzertauftritts von Yehudi Menuhin wurde (FetthauerS 2012, S. 330, BejaranoE/GärtnerB 2007, S. 111). Nach etlichen weiteren Zwischenstationen kam sie schließlich im August 1945 über Frankfurt am Main per Zug nach Marseille, wo sie mit der Mataroa nach Atlith übersetzte. Bei den Lebrechts, der Familie ihrer Schwester, fand sie vorläufig Aufnahme, bis sie ein eigenes Zimmer beziehen konnte. Ihr erster Job war in einer Zigarettenfabrik, danach arbeitete sie als Haushaltshilfe. Vor allem aber konnte sie nun ihr Ziel verfolgen, Sängerin zu werden. Sie kam zu der renommierten Stimmbildnerin Emma Gillis, die sie zur Koloratursopranistin ausbildete. Zwar konnte sie als Sängerin in Israel nicht wirklich reüssieren, da sich ihre Stimme als nicht tragfähig genug für Opernhäuser erwies, aber in kleinerem Rahmen hat sie hunderte von Konzerten gegeben. Des Weiteren wurde der Chordirigent Konrad Mann für sie wichtig; er begleitete sie als Korrepetitor und ließ sie in seinem Chor, dem „Ron“-Chor („Freude“-Chor), singen. Später war sie als seine Assistentin insbesondere für das Probesingen neuer Mitglieder zuständig. Bei einem solchen Vorsingen lernte sie auch ihren späteren Mann, den aus einer bulgarisch-jüdischen Familie stammenden Tischler, Monteur und Feinmechaniker Nissim Bejarano kennen. Aus der Anfang 1950 geschlossenen Ehe gingen die Kinder Edna und Joram hervor. Esther sang weiterhin im Chor, ging mit auf Reisen nach Europa, eröffnete eine Blockflötenschule für Kinder und arbeitete als Begleiterin in der Lewitzky-Tanzschule in Beer-Sheva.

Bis 1960 blieb Esther Bejarano in Israel, dann siedelte sie mit ihrer Familie in die Bundesrepublik Deutschland über. Ausschlaggebend für den Entschluss, Israel zu verlassen, war das politische Klima in dem künstlich durch UN-Beschluss errichteten Staat, das die links eingestellten Bejaranos, die beide freiwillig in der Armee gedient hatten, als konservativ bis reaktionär empfanden. Die Gewalt gegen Araber fanden sie unerträglich, und der auch in Israel virulente Antikommunismus machte ihnen zu schaffen; davon betroffen waren sowohl der „Ron“-Chor und sein Leiter als auch Nissim Bejarano an seiner Arbeitstelle.

Im Juni 1960 kam die Familie Bejarano per Zug in Hamburg an. Esther und Nissim Bejarano erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft, wobei Esther ihre zusätzliche israelische Staatsbürgerschaft verlor. Wegen der noch jungen Kinder lehnte Bejarano eine Stelle im Opernchor der Hamburgischen Staatsoper ab. Sie übernahm eine Wäscherei in Hamburg-Altona und unterhielt später eine kleine Schmuck-Boutique. Das Projekt einer Diskothek im nahe gelegenen Uetersen, für das sie das Geld, das Esther als Überlebende der Shoa bekam, verwendeten, endete in einem Fiasko: Neonazis, die erfahren hatten, dass die Betreiber Juden waren, machten Krawall und vertrieben die Gäste. Diese und ähnliche Erfahrungen mit Rechtsextremen in Deutschland veranlassten Esther Bejarano, ihre Lebensgeschichte nun doch öffentlich zu machen und politisch-aufklärerisch tätig zu werden. 1978 trat sie der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) bei und gründete den Verein Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland. Mit ihrer Musikgruppe „Siebenschön“ trat sie in Schulen, bei Gewerkschaftstreffen, bei Gedenkveranstaltungen und bei Kundgebungen der Friedensbewegung auf, um für ein friedliches Zusammenleben der Völker zu werben und neuen faschistischen Trends entgegenzutreten. Jiddische, Ghetto- und andere Widerstandslieder waren Inhalt der Programme, mit denen sie 1987 sogar nach Kanada eingeladen wurde (BejaranoE/GärtnerB 2007, S. 195 ff.). Ihre Tochter Edna Bejarano, die 1970 mit den „Rattles“ und dem Lied „The Witch“ als Rocksängerin sehr erfolgreich gewesen war, hatte inzwischen die Folkloregruppe „Coincidence“ gegründet, in die bald auch ihre Mutter und ihr Bruder Joram hinüberwechselten.

Bis heute dauert die antifaschistische und friedenspolitische Arbeit von Esther Bejarano an. Sie wurde weit über Hamburg hinaus bekannt und schon mehrmals in Talkshows des deutschen Fernsehens eingeladen. 1994 erhielt sie die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille der Freien und Hansestadt Hamburg, 2004 wurde sie mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte geehrt. 2008 überreichte Bundespräsident Horst Köhler ihr den Verdienstorden 1. Klasse, 2012 wurde sie mit dem großen Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Esther Bejarano lebt in Hamburg. Ihre Geburtsstadt Saarlouis ernannte sie 2014 zur Ehrenbürgerin.